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Wenn’s mal wieder anders kommt…

Ich schaue auf mein Handy und sehe einen verpassten Anruf der Kita. Mein Puls steigt rapide an, ich ahne, was kommt. Als ich zurückrufe, wird mir gesagt, mein Kind sei krank, ich müsse es abholen. Die meisten Eltern kennen diesen Moment…

Es ist nicht so, dass ich per se unflexibel bin oder gar nicht mit Veränderungen leben kann. Solange ich sie mir selbst wähle und sie steuern kann, freut mein ADHS-Anteil sich manchmal sogar sehr, wenn etwas Neues passiert.

Ungewollte Veränderungen

Die meisten Veränderungen und Situationen, in denen ich mich anpassen und flexibel reagieren muss, wähle ich aber nicht selbst und oftmals habe ich auch wenig Einfluss darauf, was wann wie passiert. Ich kann auch nicht in die Zukunft schauen und sie vorhersehen. Logisch. Kann keiner.

In dieser Hinsicht hasse ich Veränderungen. Sie verunsichern mich zutiefst, vor allem wenn sie plötzlich kommen. Wenn ich dann auch noch Verantwortung trage, können sie mich binnen weniger Momente in krisenhafte Zustände versetzen, in denen ich kaum handlungsfähig bin. Eben derartige Anrufe lösen Panik in mir aus. Ich kriege es nach einer Weile zwar irgendwie hin, mein Kind dann abzuholen und durch den Tag zu bringen, aber es ist nicht das, was ich unter liebevollem Muttersein verstehe. Ich überlebe, ich funktioniere irgendwie, ein bisschen wie betäubt. Und ich hasse es.

Es reicht aber auch deutlich weniger, um mich aus der Fassung zu bringen. Ich habe in meinem Kopf Konzepte und Pläne, feste Abläufe. Sie geben mir Sicherheit und Struktur. Einen Schritt nach dem anderen abzuarbeiten (vor allem morgens im Halbschlaf…) in immer derselben Reihenfolge erlaubt mir kleine Erfolgserlebnisse in einem Alltag, in dem ich mich nicht selten wie eine Ertrinkende fühle. Je weniger Kraft und Geduld ich habe, desto unflexibler und rigider halte ich daran fest. Da ist jede „Störung“ von außen bedrohlich für mich.

Das Leben funktioniert aber nun einmal nicht in festen, vorhersehbaren Abläufen. Vor allem nicht mit Kindern. Man muss ständig flexibel reagieren, trotz klarer Rahmenbedingungen. Mich überfordert das immer wieder.

Und täglich grüßt das Murmeltier…

Ich kann flexibel sein, wenn Veränderungen sich wiederholen. Irgendwann weiß ich zumindest, wenn dieses oder jenes passiert, dann kann ich das tun. Dann bin ich zwar gestresst, aber kriege es irgendwie hin. In der Interaktion mit Erwachsenen gelingt mir das meist ganz gut, außer ich bin auf einem extrem hohen Stress- oder Müdigkeitslevel. Weil sie etwas berechenbarer sind als Kinder.

Aber Kinder entwickeln sich ständig und schnell. Es gibt immer wieder etwas Neues, was vorher nicht da war. Da mein Sohn auch ADHS hat, ist es bei ihm an der Tagesordnung, dass er oft von einem zum anderen switcht und mich in rasender Geschwindigkeit mit verschiedensten Fragen, Aufforderungen oder Grenzverletzungen konfrontiert, sodass ich mich häufig wie in einem sehr stürmischen Gewitter fühle, überrollt und unfähig, irgendwo anzusetzen.

Ich kenne von mir selbst, wie schnell es im ADHS-Gehirn in alle Richtungen Konfetti regnen kann. Aber ich bin erwachsen, ich agiere nicht alles nach außen, was in mir abgeht. Das kann mein Sohn in seinem Alter noch nicht regulieren. Ich kann ihn verstehen. Und trotzdem geraten wir oft aneinander, weil ich von diesen permanenten Richtungswechseln überfordert bin.

Overload

Wenn viele Veränderungen auf einmal passieren, gibt es da schnell mal einen Systemabsturz bei mir, ähnlich wie wenn beim Computer zu viele Fenster auf einmal geöffnet sind und arbeiten sollen. Entweder „hänge“ ich dann, es geht nix weiter, oder ich stürze ab (emotionale Achterbahn). Das ist das, was oft auch als Overload bezeichnet wird.

Daher bin ich immer bemüht, mir soviel Struktur und Ablauf wie möglich zu schaffen, um mir Sicherheit und Rückhalt zu bieten, so gut es geht. Das funktioniert nicht immer, aber oft. Ansonsten helfen mir im Nachhinein mein Rituale (Malen, Puzzlen, Muster beobachten, Haushalt…), mich wieder in den Takt zu bringen.

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