Autismus,  Persönliches

Die Sache mit der Empathie

Sind Autisten empathiefähig? Diese Frage wurde und wird immer wieder kontrovers diskutiert. Und sie ist ein Grund, weshalb ich den Gedanken, dass ich autistisch sein könnte, lange verworfen habe. Ich kann kommunizieren und ich kann auch Empathie zeigen. Dann kann ich ja nicht autistisch sein, oder doch?

Ich glaube, ein Problem ist, dass hier früher versucht wurde, eine allgemein gültige Feststellung für „den“ Autisten zu finden, den es aber nun einmal nicht gibt. Autismus ist eine Spektrum-Störung, d.h. die Ausprägung ist bei jedem anders. Und das Thema Empathie ist viel zu differenziert, als dass sich eine allgemeine Aussage darüber treffen ließe.

Intensive Welt – starke Gefühle

Was man aber mittlerweile weiß, ist, dass Autisten nicht weniger fühlen (wie lange angenommen wurde), sondern mehr, bzw. intensiver. Ich verweise hier auf Henry Markrams „Theorie der Intensiven Welt“, nach der Gefühle für einen autistischen Menschen derart stark sein können, dass der Rückzug in sich selbst oft lebensnotwendig ist, um sie aushalten zu können.

Das Wort Autismus bezeichnet ein In-sich-selbst-zurückgezogen-Sein. Das ist aber nicht die Störung selbst, sondern eher eine Reaktion auf ein Zuviel. Die Welt wird als unsicher, laut, intensiv und überfordernd wahrgenommen. Dazu kommen Schwierigkeiten, soziale Situationen deuten und bewältigen zu können. Die eigenen Emotionen, aber auch die anderer Personen werden sehr intensiv wahrgenommen und erlebt, aber ohne die Fähigkeit sie gut regulieren zu können. So kann es immer wieder zu Fluchtreaktionen, dem Rückzug in sich selbst, einem Erstarren oder aber zu diversen Aus- und Zusammenbrüchen kommen.

Bei kleinen Kindern mag dies noch nicht unbedingt auffällig wirken, aber je älter jemand wird, desto irritierender wirken derartige Reaktionen. Und häufig werden Wutausbrüche oder „theatralische“ Wein- und Schreianfälle als überzogen und unreif missgedeutet, wenn nicht klar ist, was dahintersteckt. Dies habe ich über die Jahre sehr häufig erlebt und es ist auch heute noch Thema für mich. Daher ist es für mich auch so wichtig, mich beruflich in sozial eher unverfänglichen Situationen zu bewegen, mit viel Struktur und ruhigem Setting. Denn nur so kann ich meine Stärken einbringen, ohne ständig aus der Bahn zu fliegen oder auszubrennen, weil ich mich permanent überregulieren muss.

Warum ich öfters empathielos wirke, es aber nicht bin

Dass Autisten nicht fühlen, halte ich daher für falsch. Ich nehme Gefühle anderer Menschen sehr intensiv wahr, spüre sie ebenso stark wie meine eigenen, kann sie aber oft auch gar nicht von meinen eigenen Gefühlen unterscheiden. Und nicht selten überfordern mich Emotionen, überfluten mich regelrecht, sodass ich in vielen Situationen nicht angemessen reagieren kann, trotz jahrelanger therapeutischer Bemühungen.

Oft kommt es daher vor, dass ich empathielos wirke, weil ich z.B. scheinbar teilnahmslos danebenstehe, wenn mein Kind sich verletzt und weint, oder weil ich ungehalten oder kühl reagiere. Das bedeutet aber nicht, dass mich die Situation kalt ließe, ganz im Gegenteil. Die intensiven Emotionen meines Gegenübers überschwemmen mich, verunsichern mich, sodass ich oft entweder in eine Erstarrung falle oder ungeduldig reagiere. Es fällt mir dann sehr schwer, ruhig und besonnen zu bleiben. Mitfühlen tue ich automatisch, aber entsprechend zu handeln, ist für mich eine große Herausforderung.

Dies ist aber nicht immer so. Wieviel Empathie ich zeigen kann, ist sehr abhängig davon, wie es mir geht. Bin ich einigermaßen ausgeruht, entspannt und fühle mich einigermaßen sicher, kann ich sehr gut auf andere eingehen, zuhören und bspw. trösten. Bin ich aber ohnehin schon überreizt, fühle mich unsicher oder überfordert, geht in mir alles auf Abwehrhaltung.

Mein Manko – das Nachfragen

Wo ich tatsächlich ein großes Defizit habe, ist das interessierte Nachfragen und Zugehen auf andere. Von mir selbst zu erzählen fällt mir ja bekanntlich nicht sonderlich schwer, aber offen und interessiert andere anzusprechen und mich in ihre Situation hineinzuversetzen, um daraus abzuleiten, was sie brauchen könnten, ist für mich irgendwie ein Buch mit sieben Siegeln. Ich spüre sehr wohl das Ungleichgewicht und weiß, dass ein Geben und Nehmen die Basis sein sollte in Beziehungen. Und einige Freundschaften sind dadurch schon in die Brüche gegangen, weil mein Gegenüber sich von mir nicht gesehen oder ausgenutzt gefühlt hat.

Dahingehend fühle ich mich wirklich wie ein Analphabet. Ich bekomme es einfach nicht hin, anderen dasselbe Interesse entgegenzubringen wie sie mir. Aber das heißt nicht, dass ich es nicht möchte. Ganz im Gegenteil, mich bedrückt es sehr, dass ich da so wenig Initiative zeige, und wenn ich es versuche, mich dabei manchmal so unbeholfen anstelle, dass es so ankommt, als müsste ich mich dazu zwingen, als ob es nicht ehrlich gemeint wäre.

So wie ein Rollstuhlfahrer keine Treppen nehmen kann, kann ich weder Smalltalk betreiben, noch mir vorstellen, was ich mein Gegenüber fragen kann, damit es sich gesehen und ernst genommen fühlt. Ich schäme mich sehr dafür, dass ich so stark um mich selbst kreise und den Schritt auf den anderen zu so schwer tun kann. Dabei möchte ich Anteil nehmen, dazugehören, geben können, was andere mir geben.

Wie ist das für dich?

Wenn du bis hierhin gelesen hast, hoffe ich sehr, dass ich dir mit meiner Ehrlichkeit nicht vor den Kopf stoße. Vielleicht kannst du nun besser verstehen, warum ich an manchen Tagen sehr offen und mitfühlend reagiere und an anderen zurückgezogen oder abweisend. Es ist für mich nicht selbstverständlich, empathisch zu reagieren, aber du kannst immer davon ausgehen, dass ich mitfühle, auch wenn ich es nicht angemessen zeigen kann. Ich stecke oft in mir selbst fest und schaffe den Sprung zum Gegenüber nicht, aber es ist mir niemals egal, wie es dir geht, auch wenn ich desinteressiert wirke.

Wenn du eine Idee hast, was dir mit diesem Wissen helfen würde, dich von mir besser wahrgenommen zu fühlen, schreib oder sag es mir gerne. Umgekehrt würde ich mich freuen, wenn du von dir aus erzählst, wenn du mir etwas mitteilen möchtest und nicht wartest, bis ich frage, denn das passiert unter Umständen nicht, ohne dass es egoistisch oder ignorant gemeint ist. Danke! 💚

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