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Telefonieren? Nein danke!

Telefonieren gehört nicht gerade zu meinen Hobbies. Es gibt manchmal Situationen, in denen ich es genießen kann, das ist aber nicht so häufig der Fall. Ich empfinde es in den letzten Jahren auch zunehmend als unangenehm.

Es ist gar nicht so leicht, das zu erklären. Nicht, dass ich es müsste, aber ich möchte mir selbst darüber klar werden.

Telefonieren in offiziellen Angelegenheiten

Wenn ich wählen kann, telefoniere ich nicht, sondern schreibe eine E-Mail, SMS oder WhatsApp, einen Brief oder treffe jemanden persönlich. Besonders schwer tue ich mich mit Behörden, der Krankenkasse und Arztpraxen. So absurd es ist, aber entweder schiebe ich Klärungen ewig auf (auch wenn es nur um kleinste, banalste Dinge geht) oder fahre durch die halbe Stadt und nehme lange Wartezeiten auf mich, nur um nicht telefonieren zu müssen. Oder mein Mann ist so nett, und übernimmt Anrufe für mich… Es ist wirklich absurd, aber irgendwie nachvollziehbar, wenn man betrachtet, was diese Situationen miteinander gemeinsam haben:

  • Es sind so ziemlich die offiziellsten, unpersönlichsten Gespräche, die ich im Alltag habe.
  • Ich bin meistens in einer „unterlegenen“ Position und von meinem Gegenüber in irgendeiner Form abhängig (zumindest empfinde ich es so, ich will ja was von denen, sie brauchen mich hingegen nicht).
  • Ich kenne meistens weder mein Gegenüber, noch die Gegebenheiten außen herum.

Das verunsichert vermutlich nicht nur mich, aber für viele ist es auch gar kein Thema.

Telefonate mit Unbekannten kosten mich enorm viel Überwindung. Wenn ich gut „drauf“ bin, schaffe ich es manchmal ganz gut, an schlechteren Tagen schaffe ich es gar nicht, manches bleibt monatelang liegen. Beispielsweise habe ich letztens ein halbes Jahr gebraucht, nur um telefonisch einen Zahnarzttermin zu vereinbaren. Letztendlich lief der Kontakt dann doch per E-Mail (was die Praxis aber eigentlich ablehnt, ich war diesmal nur so offen zu schreiben, dass ich es einfach nicht schaffe zu telefonieren).

In beruflichen Situationen gelingt es mir eher, zum einen, weil der Druck da ist, mich nicht „drücken“ zu können, zum anderen, weil ich dort in einer anderen Funktion bin. Es geht dort in der Regel nicht um mich persönlich.

Ursachen für das Unbehagen

Ein Grund ist demnach meine persönliche (empfundene) Unterlegenheit/Abhängigkeit, die mich verunsichert. Ein anderer, dass ich mein Gegenüber nicht kenne, dass ich nicht weiß, wie diese Person zu mir steht, wie das Gespräch abläuft, wie die Redegewohnheiten der Person sind. Bei Leuten, die ich kenne, kann ich relativ gut einschätzen, wie sie klingen, was sie sagen, was sie meinen. Bei Fremden fehlt mir dieser Background. Und da bin ich ziemlich blockiert. Ich brauche etwas Vorhersehbares, um mich sicher zu fühlen. Bekannte Situationen. Persönliche, sichere Situationen. Das ist bei solch offiziellen, unbekannten Gesprächen nicht der Fall.

Dadurch, dass ich dann so unter Stress stehe beim Telefonieren, bekomme ich Inhalte oft nicht richtig mit, vergesse, was ich sagen oder fragen wollte (selbst wenn ich es mir vorher notiert habe). Oder ich meine, die andere Person verstanden zu haben, später stellen sich aber immer wieder Missverständnisse heraus.

Ein weiterer grundsätzlicher Faktor ist, dass ich Umgebungsgeräusche nicht ausblenden kann. Ich verstehe Leute am Telefon oft nur schwer, weil mich andere Geräusche zu sehr stören.

Telefonieren mit und ohne zeitliche Verabredung

Was ich auch gar nicht mag, egal ob bekannte oder unbekannte Personen, ist angerufen zu werden. Werde ich unangemeldet angerufen, vor allem zu Hause, fühlt es sich an, als würde jemand plötzlich in meine Privatsphäre eindringen. Niemand ruft mit der Absicht an mich zu stören, das ist mir bewusst, aber ich mag es wirklich nicht.

Telefonate nach Verabredung haben zwei Seiten. Einerseits erlaubt es mir, mich auf das Telefonat einzustellen, wenn vorher eine Zeit vereinbart wurde und ich weiß, dass es ansteht. Andererseits ist und bleibt es etwas, was mit Anspannung verbunden ist. Und da ich vorher schon weiß, was auf mich zukommt, blicke ich dem Gespräch auch etwas angespannt entgegen.

Ungenaue Zeitangaben und versetzt werden

Was noch dazukommt: Viele Menschen sagen „Lass uns um 11 Uhr telefonieren“, rufen aber nicht Punkt 11 Uhr an. Ich nehme solche Aussagen absolut wörtlich, ich gebe mir Mühe, es nicht zu tun, nicht kleinlich zu sein. Aber wenn dann eine Minute nach 11 noch niemand angerufen hat, werde ich zunehmend nervöser, unruhiger und sogar wütend innerlich, wenn es noch später wird. Das hat nichts damit zu tun, dass ich tatsächlich der anderen Person einen Vorwurf mache, ich weiß ja, wie schnell etwas dazwischenkommen oder länger dauern kann als gedacht und die wenigsten sind penibel pünktlich bei allem und wollen es oftmals auch gar nicht sein. Ich würde deshalb auch niemanden als unzuverlässig bezeichnen. Aber dieses Warten macht mich wahnsinnig.

Das hat auch den Hintergrund, dass ich mich bei Verabredungen, Terminen allgemein vorher in einem gewissen „Wartemodus“ befinde, mich kaum auf etwas anderes konzentrieren kann, manchmal auch nur herumsitze, bis es soweit ist. Ich finde das total sinnlos, weil man die Zeit prima nutzen könnte, aber mein Hirn spielt da nicht mit, es geht auf Standby. Das Einzige, was manchmal geht und hilft, ist Aufräumen und Putzen. Dieser Wartemodus ist für mich anstrengend, meist auch negativ besetzt, weil er sich so sinnlos anfühlt und ich will dieses Telefonat dann irgendwann nur noch hinter mir haben.

Eine andere Variante ist, dass jemand sagt „Ich rufe Sie gegen Mittag an“. Das ist noch schlimmer. Was heißt „gegen Mittag“? Das ist ein sehr dehnbarer Begriff. Das macht mir richtig Stress, weil dieser Wartemodus dann noch extremer ausfällt und wirklich gar nichts geht. (Außer auf Arbeit oder in der Schule, aber da bin ich irgendwie auch in einer anderen Funktion und habe Vorgaben von außen)

Und wenn ein Anruf dann gar nicht kommt, kann es mich entweder sehr wütend machen, oder ich erlebe teilweise auch so etwas wie einen kleinen Zusammenbruch, meist innerlich, manchmal auch äußerlich. Das ist nachvollziehbar, wenn man überlegt, was dieses Warten für mich heißt und wieviel Kraft und Zeit es frisst.

Für jemanden, der das nicht kennt, klingt das absurd und wenig nachvollziehbar, denke ich. Aber vielleicht wird klarer, warum ich es nicht mag, angerufen zu werden.

Ausnahmen?

Ausnahmen gibt es. Mit sehr guten Freunden, Familienangehörigen oder Bekannten, deren Eigenheiten und Redegewohnheiten ich kenne, klappt es gut und belastet mich auch nicht. Überwinden muss ich mich trotzdem, aber es liegt nicht an der Person, sondern nur an der Tätigkeit an sich und dass ich, wenn ich eine Person nicht sehe, oder nichts Schriftliches vor mir habe, schwer zuhören kann. Mir fehlen dann einfach wichtige Informationen.

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