Autismus,  Persönliches,  Selbstwert

Übererregung, Stress und Erschöpfung

Wer mir häufig begegnet, kennt es: Bei mir ist immer irgendwas! Ich bin meistens gestresst, erschöpft, überlastet oder – auch wenn dies nur noch sehr selten der Fall ist – überdreht. Von allem irgendwie zu viel.

Man weiß, dass Gefühle (und dazu zählt auch das Stressempfinden) in der Hirnrinde, bzw. im so genannten Mandelkern (Amygdala) durch das Zusammenwirken von erregenden und hemmenden Neuronen entstehen. Die Forschung geht auch davon aus, dass bei neurodiversen Menschen (also beispielsweise mit ADHS und/oder Autismus) dieses Zusammenspiel gestört ist. Vor allem Henry Markram und Kollegen haben herausgefunden, dass die erregenden Neuronen hier überaktiv sind.

Das heißt zum Einen, dass eben Reize weniger gefiltert werden (siehe hierzu auch meinen Beitrag Alltag unter Dauerbeschallung), zum Anderen, dass sich die Amygdala durch diese Überaktivität ständig in einem Zustand der Übererregung befindet und „Alarm schlägt“.

Von der Mücke zum Elefant?

Es ist also kein Wunder, dass ich Reize und Gefühle sehr viel intensiver empfinde als Nicht-Autisten, genauso wenig, dass ich von kleinsten Dingen gestresst und überfordert bin, die für die meisten anderen Menschen vielleicht auch anstrengend, aber dennoch alltäglich und weniger existentiell sind. Wenn ich also nach außen öfters so wirke, als ob ich „aus einer Mücke einen Elefanten mache“, ist es genau diese Diskrepanz. Für mich ist dieser Stress tatsächlich oft existentiell, so, dass ich mich kaum auf etwas anderes konzentrieren kann und nahezu alle Gedanken und Kräfte dabei „draufgehen“.

Natürlich habe ich im Laufe der Zeit viele Entspannungstechniken und Skills gelernt, die ich auch – so gut ich es kann – anwende. Trotzdem gelange ich fast nie in einen entspannten Grundzustand. Ich bin fast immer angespannt oder zumindest in einer gewissen Hab-Acht-Stellung. Und selbstverständlich tun auch mir Spaziergänge und eine heiße Badewanne oder ein gemütlicher Tee auf der Couch gut, keine Frage. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich danach wesentlich gelöster bin. Wenn dies mal der Fall ist, macht mich das sehr glücklich, aber es kommt leider selten vor.

Dauererschöpfung und schnelle Ermüdbarkeit

Die Folge ist, dass ich eigentlich fast permanent müde oder sogar erschöpft bin, trotzdem aber selten erholsamen Schlaf finde, denn auch nachts fährt mein Gehirn nicht ausreichend herunter, sodass ich ohne Medikamente kaum, oft gar nicht zur Ruhe komme. Und selbst mit kann ich zwar schlafen, aber fühle mich selten erholt. Das ist seit meiner Pubertät so, an die Zeit vorher kann ich mich nicht gut erinnern, aber meine Eltern erzählten mir, dass ich auch als Kind schon oft schlecht geschlafen habe.

Die Erschöpfung ist demnach mein ständiger Begleiter. Dazu kommt, dass ich schon nach kurzer Zeit ermüde. Ich habe meine Strategien, um meinen Tag durchzuhalten, dennoch strengen mich viele Dinge an. Was für viele normal ist, wie z.B. sich mit anderen zu unterhalten, Bahn zu fahren, einkaufen zu gehen, mit Kindern zu spielen, ist für mich an vielen Tagen Hochleistungssport.

Zusätzliche Einflüsse

Beeinflusst wird dies auch durch hormonelle Schwankungen. Es gibt Phasen, in denen ich deutlich leistungsfähiger und weniger ermüdbar bin, das betrifft ungefähr eine bis anderthalb Wochen im Monat. Die genieße ich, da sie eben nicht die Regel sind und etwas Erholung und Pause vom Stressempfinden darstellen. Aber du merkst, es ist nur ein Drittel der Gesamtzeit.

Dazu kommen die Jahreszeiten. In den warmen Monaten bin ich belastbarer als im Winter. Dies ist vermutlich bei den meisten Menschen so (ebenso wie die zyklischen Unterschiede), aber es kommt eben zu der Grunderschöpfung und dem allgemein hohen Stresslevel dazu. Meine so genannten Depressionen sind, so kann ich es rückblickend sehen, meistens eine Art Mini-Burnouts, erschöpfungs- und stressbedingt. Das ist insofern gut, da sie leichter zu ertragen sind, wenn es klare, nachvollziehbare Gründe dafür gibt und ich nicht grundsätzlich negativ und depressiv denke und fühle. Trotzdem sind sie da und brauchen ihre Zeit, bis ich wieder auf die Beine komme.

Wann ist „gut“ gut genug?

Nimm es mir daher bitte nicht übel, dass du von mir selten hörst, dass es mir „gut“ geht. Ich bin momentan dabei, das „gut“ für mich neu zu definieren, da ich langsam akzeptiere, dass ein „Ich fühle mich fit, ausgeruht und fröhlich“ für mich schwer erreichbar ist und ein „gut“ auch heißen kann „ich bin zwar erschöpft und gestresst, aber nicht mehr als mein Grundrauschen“. Das klingt zwar etwas überspitzt und sarkastisch, aber letztendlich muss ich lernen, wo ich meine Messlatte aufhänge, um mich nicht dauerhaft schlecht zu fühlen, sondern mich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, so gut es geht.

Während bisher das Ziel meiner Therapien war, meine Belastbarkeit zu steigern (woran ich auf längere Sicht immer gescheitert bin, weil ich ohnehin schon mehr leiste, als gut für mich ist), ist jetzt das Ziel die Akzeptanz, wie es ist und mir die Umstände, soweit es möglich ist, so zu gestalten, dass ich meine Kräfte gut einteilen und einsetzen kann, ohne ständig auszubrennen. Das ist auch eine Form von Belastbarkeit, aber diese wird nicht in Form von Leistung oder Arbeitsstunden gemessen. Es erleichtert mich sehr, wenn ich sein darf, wie ich bin und ich nicht so tun muss, als ob ich fröhlich, ausgeruht und mega engagiert bin. Wenn ich meine Müdigkeit und meinen Stress nicht verstecken muss und melancholisch sein darf, spart mir das zumindest die Kräfte, die ich sonst damit verbraucht habe, nach außen „normal“ zu wirken und hilft mir, mich zumindest „okay“ zu fühlen.

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